Ein Bild - damals und heute
Entlang des real existierenden antifaschistischen Schutzwalls gab es auf Westberliner Seite immer wieder kleine Plattformen, auf die man klettern, sich gruseln, die Mauer näher betrachten und fotografieren konnte. Im Frühjahr 1987 knipste ich irgendwo in Kreuzberg von einer solchen Plattform aus die Mauer:
Nun weiß man zwar, dass sich eine Stadt innerhalb von 20 Jahren sehr verändern kann. Wenn diese Entwicklung nun aber an der Nahtstelle zweier Staaten geschieht kann es passieren, dass man nach 20 Jahren nix, aber auch gar nix mehr wiedererkennt.
Ich wollte, nach dem ich wieder nach Berlin gezogen war, wissen, wie sich diese Stelle verändert hat. Das setzt allerdings voraus, dass man die Stelle wiederfindet!
Ich hatte mir den Ort natürlich nicht genau gemerkt - wozu auch - aber anhand der Fotos konnte man erkennen, dass der Mauerverlauf dort eine Biegung machte, außerdem sieht man ja ein paar Häuser, und schließlich meinte ich mich auch zu erinnern, dass eine Kirche in der Nähe war. Es sollte also keine großen Probleme bereiten, die Ecke wiederzufinden. Zusammen mit meinem Mauerplan machte ich mich also auf den Weg nach Kreuzberg...
Erster Versuch: Döblinplatz, unweit vom Moritzplatz. Dort gab es zwar einige interessante Ecken zu sehen, ansonsten lief ich ziemlich orientierungslos durch die Straßen. Hm, entweder entstand das Foto doch woanders, oder es hat sich extrem viel verändert - erkannt habe ich jedenfalls nix. Auch im weiteren Verlauf Richtung Osten fand ich die Stelle nicht, weshalb ich beim zweiten Anlauf die Mauer westlich des Moritzplatzes ablief - wozu mir auch die beiden netten reiferen Damen, denen ich die Fotos zeigte, rieten. Die einzige Stelle, an der zumindest Mauerverlauf und die Gebäude im Hintergrund zum alten Foto passten, war die Ecke Zimmer-/Axel-Springer-Straße. Aber ansonsten stimmte an der Ecke nix, und zumindest das Imperium des Grauens stand damals nicht am Knipsort! Sollte es wirklich nicht möglich sein, die Stelle wiederzufinden?
Irgendwann hatte ich Ines, eine der wenigen wirklichen Berlinerinnen in meinem Bekanntenkreis, mein Leid geklagt, und sie meinte, diese Stelle zu erkennen, sie sei nur wenige Meter von ihrer Wohnung entfernt. Schließlich sahen wir uns die Ecke gemeinsam an, und tatsächlich, das war sie!
So sah es im Frühjahr 1987 dort aus:

und so im Frühjahr 2009:

Hä? Kann nicht sein? Doch. Leider haben Sonneneinstrahlung und grüne Baumwipfel das Knipsen erschwert, aber wir sind die Ecke abgelaufen, und es gab genug Stellen, die man wiedererkennen konnte. Auch wenn es manchmal nur Kleinigkeiten waren und sich doch das ein oder andere ein wenig *hüstel* verändert hat. Auf dem ehemaligen Mauerstreifen ist nun eine nette Grünanlage, und der Verkehr hat deutlich zugenommen. Auch die Aussichtsplattform, von der ich damals das Foto geknipst habe, ist merkwürdigerweise verschwunden. ;) Erfreulich übrigens, dass mich meine Erinnerung an eine Kirche an der Ecke dann doch nicht getrogen hat.
Es handelt sich übrigens, wie der Berliner wahrscheinlich schon erkannt hat, um die Ecke am Bethaniendamm, direkt an der St.Thomas-Kirche. Ich freue mich riesig, diese Ecke wieder gefunden zu haben - einen lieben Dank an Ines!
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